Freitag, 15. Mai 2015

14.05.'15 - Gülzece; wir haben unsere Zielmarina erreicht!

Marmara - Gülzece; 59 nm
Wir liegen in 'Gülsetsche', etwa 35 km südlich von Istanbul, am Westufer des Marmarameeres in einer Marina, die uns vor Reiseantritt ein Angebot über Liegegebühren gamacht hat, mit dem Helmut einverstanden sein konnte. DIES war unser Ziel! Immerhin bleibt die Seahorse nach unserer Abreise fünf Wochen hier liegen, bis Helmut, Edith, Anna & Sven von hier aus nach Süden fahren werden.

1.736 Seemeilen in weniger als 5 Wochen auf UNSERER Route
Wir haben insgesamt rund 1.736 Seemeilen zurück gelegt. Ich freue mich auf Istanbul und dann auf den Heimflug, auf das Zuhause mit Birgit. Helmut trägt eine leichte Melancholie mit sich herum. Die Reise war schön. Eigentlich könnte das noch eine Weile so weitergehen.


Eine geruhsame Fahrt

Wir haben uns am Mittwoch früh schlafen gelegt, weil wir unsere letzte Nachtfahrt gegen Mitternacht beginnen wollen. Wir rechnen mit etwa 12 Stunden bis Gülzece und wollen gegen Mittag dort sein. Dann lassen sich alle Formalitäten in Ruhe erledigen.

Mit dem Schlaf ist es nicht weit her. Zunächst kommt noch ein bärtiger Troll zur Seahorse, zückt umständlich einen Kugelschreiber und einen Quittungsblock und kassiert 50 TL Liegegebühr für unseren Platz in der Hafeneinfahrt. Kein Strom, kein Wasser, keine sanitären Anlagen und vor allem keine Legitimation durch den Troll. Vermutlich haben wir einen Fehler gemacht, weil wir uns vom Taxi über die Insel kutschieen ließen. Jetzt scheint die Idee aufzuleben, daß man von uns mehr abgreifen könnte. Es wird Zeit, zu verschwinden. 

Die nächste Störung ist ein lautes Poltern an Deck. Ich bin sofort raus aus der Koje und sehe im Salon einer Katze in das neugierige Gesicht. Das Tier schaut durch eines der offenen Salonfenster neugierig zu uns herein. Blödes Vieh ...

Die dritte Störung ist ein Bursche der mehrfach neben der Seahorse auf und ab geht. Vermutlich ist das nur ein Angler. Aber ich bin jetzt mißtrauisch und brauche lange, um einzuschlafen.

Um Mitternacht klingeln unsere Wecker. Ein Kaffee auf die Schnelle, die notwendigen Vorbereitungen zum Start, dann ist der Motor an, die Leinen los und wir verlassen Marmara. Die See ist glatt. Ein Hauch von 1 bis 2 kn kann sich nicht entscheiden, aus welcher Richtung er wehen will. Nach der südlichen Umrundung Marmaras nähern wir uns im spitzen Winkel ganz allmählich dem VTG zwischen den Dardanellen und Istanbul. Wir sehen wenige Schiffe aus- oder einfahren, aber viele große Pötte auf dem VTG. Diese 'Rennstrecke' wird eben intensiv genutzt. 

Diese Nacht ist noch einmal ein Wunder an Lichtern! Über uns strahlen das Meer der Sterne und die Milchstraße und unter uns glüht das Meeresleuchten wieder in einer ganz neuen Weise. 

Die Seahorse zieht, beginnend beim leicht leuchtenden Schraubenwasser, eine breite, lange nachleuchtende Spur über das Meer. Selbst das Dingi glüht von seiner Unterseite her. Die Bugwellen der Seahorse sind an ihren Außengrenzen von einem etwa fingerbreiten ganz scharf umrissenen, hell strahlenden Rand beleuchtet. Die Fläche zwischen diesem Rand und dem Rumpf des Bootes leuchtet diffus,

Der Lichteffekt ist so intensiv, daß der Mast und beide Salinge angestrahlt werden, die uns dieses Licht ins Cockpit zurück spiegeln. 

Mit dem Aufsteigen der schon wieder sehr schmalen Mondsichel und endgültig mit der eine Stunde später einsetzenden Dämmerung verschwindet der schöne Schein.

Auch der Schein Istanbuls verschwindet, den wir ab Marmara aus 60 Seemeilen Entfernung wahrnehmen konnten. Diese von bis zu 18 Millionen Menschen bevölkerte Stadt leuchtet den selbst geschaffenen Dunst in der Nacht so hoch und so massiv aus, daß eine leuchtende Glocke über der Stadt zu liegen scheint, die sich auf diese Entfernung noch erkennen läßt. 

Gülzece erreichen wir um 1130. Ein Marinero (? wirklich ?) kommt uns in einem Schlauchboot entgegen und führt uns zu unserem Liegeplatz. Ich führe das Boot in dieser Nacht. Aber das Anlegemanöver zwischen einer großen, teuren Motoryacht und einem kleineren Boot mit hervorkragendem Anker möchte ich auf dem engen, verfügbaren Raum nicht selbst durchführen. Das überlasse ich sehr gerne Helmuts Erfahrung mit seinem Boot. 

Was dann folgt, ist ein Bild des Jammers.

Zwei junge Männer, vermutlich von dem 'Marinero' herbeigerufen, bemühen sich vergeblich, Brauchbares zum Anlegemanöver beizutragen. Beide fangen die Anlegeleinen, verknoten sie in Ringe auf dem Kai, springen ins Boot und versuchen nun, mit den freien Ende die Seahorse näher an den Kai zu ziehen. Zwischenzeitlich ruft der Marinero ununterbrochen Käpt'n, Käpt'n und winkt nach vorne. Er will, daß die Seahorse weiteren Abstand vom Kai nimmt. Das Gewirr aus Leinen um ihn herum läßt mich denken, daß der Knaller sich in seine Mooringleine verwickelt hat. Später stellt sich heraus, daß er während des Anlegemanövers panisch bemüht war, die zu kurze Mooring passend für die Seahorse zu verlängern. Ein Zuschauer (Nachbarboot), der englischen Sprache mächtig, fragt uns, wie weit wir die Seahorse jetzt zurück zum Kai haben wollen. Wir geben 1 m an, minimum. Das gibt er an den Marinero weiter, der diesen Meter auch frei gibt. Die beiden jungen Männer springen derweil zwischen Kai und Boot hin und her, zeigen einander die freien Enden der Anlegeleinen und fragen sich offensichtlich, warum diese jetzt nicht dazu taugen, das Boot nach hinten zu ziehen. Ich jage beide vom Boot. Auf dem Kai muß ich einem der Lachnummern die Leine regelrecht aus der Hand reißen. Er WILL helfen, versteht nicht, warum das nicht klappt. Ich löse die Knoten, die von den Burschen in die Leinen geschlagen wurden, ziehe die Leinen auf dem Boot fest. Die Seahorse liegt jetzt so, wie sie soll.

Eine so dämliche 'Assistance' habe ich bisher noch nirgends sonst erlebt!

Jetzt kann Helmut in Ruhe die Verwaltungsangelegenheiten mit der Marina erledigen.


In der Marina ist Vieles unfertig, manches in der Reparatur begriffen, halbherzig. Ein sehr schwerer Sturm hat hier vor noch nicht allzu langer Zeit große Schäden angerichtet. Die Duschen sind auf normalem Campingniveau. Die Reinigungsarbeiten der Toiletten bedürfen erheblicher Nachbesserung durch die Geschäftsführung.

doppelt mannshohe Mole
Mit Blick auf das Meer
Die Ein/Ausfahrt
Na ? Wo steckt die Seahorse?
Nach Erledigung der Formalitäten machen wir uns auf den Weg in den Ort. Wir suchen vor allem nach einem Geldautomaten und finden keinen. Ein Wahlkampfbus, der mit immensem Getöse durch den Ort kurvt, steht jetzt am Straßenrand. Eine der Insassinen läuft auf der Straße herum. Die fange ich ab und frage nach einem 'Banki Automasi'. Die Frau spricht ein wenig englisch, bemüht sich uns zu erklären, wo der nächste Automat ist, weiter weg, will irgendeine Aktion starten und winkt uns mitzukommen, wird dann zurück zum Bus gerufen.

Die Frau bleibt stehen, spricht einen älteren Mann auf der Straße an, offenbar ein Bekannter, drückt ihm ihre privaten Autoschlüssel in die Hand, und bittet ihn, uns zum Automaten und zurück zu fahren. Der Mann tut das auch. 10 Minuten später haben wir unsere Lira und stehen dort, wo wir der Frau begegnet sind, die jetzt wieder mit dem Bus unterwegs ist. Richtig bedanken können wir uns gar nicht mehr.

So viel aktive Hilfsbereitschaft bin ich nicht gewohnt. Das ist nur schwer zu überbieten!

Güzelce ist ein merkwürdiger Ort. Viele neue Häuser sehen wir ringsum und noch immer wird gebaut, wird altes abgerissen. Der Ort ist lebendig. Viele Kinder sehen wir in der nahen Schule. Wir werden Güzelce aber nicht wirklich näher kennen lernen. Unsere weitere 'Freizeit' gilt jetzt Istanbul.

Güzelce: Den ersten Döner in der Türkei finden wir hier!
 Umgebung



 Die Seahorse ist gut vertäut und liegt in einer Reihe mit großen Motoryachten und Megayachten.




Wir lernen jemanden kennen, der mehrere Schiffe hier liegen hat. Das kleine mit dem schwarzem Rumpf an Steuerbord gehört dazu. Er verchartert diese Schiffe, unter anderem einen wunderschönen Zweimaster (Besan) mit etwa 25 m Länge aus türkischer Produktion. Von ihm erfahren wir, daß 90% der hier in Güzelce liegenden Schiffe den Hafen nie verlassen. Die Marina ist 'nur ein großer Parkplatz', sagt er uns.

Ich laboriere schon seit ein paar Tagen mit einem leichten Schnupfen, dachte ich. Jetzt bricht er richtig aus. Das ist Grund genug, sich über Nachtfahrten Gedanken zu machen.

Ich liebe Nachtfahrten. Man sieht über dem Wasser meist mehr als am Tage. Andere Fahrzeuge verschwinden nicht im Dunst sondern sind über sehr weite Entfernungen beobachtbar. Das vereinfacht die eigene Navigation erheblich. Anleger in fremden Marinas bei Nacht sind nicht ganz so prickelnd, aber mittlerweile Bestandteil des erarbeiteten Repertoires.
Nachtfahrt sind schön, kalt und feucht bis naß. Irgendwann kühlt die Lufttemperatur bis auf den Taupunkt herunter. Dann legt sich der Tau wie ein Film auf das ganze Boot. Auch im Cockpit bleibt kein Sitz, kein Kissen trocken. Wasserdichte Segeljacken tragen wir ja ganz gerne. Wasserdichte Hosen sind eher unangenehm. Man schwitzt darin sehr. Eine ganze Nacht stehend im Cockpit verbringen, mag aber auch niemand. Und schon der erste Versuch sich hinzusetzen, endet mit einem nassen Hosenboden.

Ich bin einige Nächte mit feuchter Kleidung durchgefahren und hatte Glück. Eine der letzten Nachtfahrten, vermutlich die Sturmfahrt vor Marmara, hat mir dann den Schnupfen eingebracht. Mit Birgits Fernhilfe, die meine Reiseaphotheke auswendig kennt, kann ich die schlimmsten Symptome mildern und verliere im Prinzip nur einen Tag. Das kann auch schlimmer ausgehen.


Demnächst, vielleicht noch vor dem Heimflug, werden wir noch ein paar Bilder aus Istanbul veröffentlichen und vielleicht noch weitere Statistik der Reise. Wenn es etwas dauert, habt bitte Geduld.

Mittwoch, 13. Mai 2015

12.05.'15 - Am Ende ein heftiger 'Ritt' nach Marmara

Canakkale - Marmara; 64 Seemeilen
11.05.'15 - Vorbereitungen und Abfahrt ins Marmarameer

Der Vormittag ist von Einkäufen bestimmt, vom Auftanken der Diesel- und Wasservorräte, vom Erledigen der geschäftlichen Angelegenheiten mit der Marina. 

Gegen 1200 versuchen wir abzulegen. Ohne Schlepphilfe ist das aussichtslos. Der Wind drückt mit 16 bis 18 kn auf den Backbordbug und schiebt die Seahorse unaufhaltsam in die Nachbarboote. Erst die Schlepphilfe der Marina, ein Schlauchboot mit starkem Außenborder, reißt die Seahorse mit Unterstützung des Bugstrahlruders mit der Nase in den Wind. Damit kommen wir vom Liegeplatz los.

Kurz darauf sind wir an der engsten Stelle der Dardanellen. Hier blasen uns 27 kn (scheinb.) auf die Nasen. Unmittelbar dahinter 'entspannt' sich die Windlast auf 23 kn. Die See ist ruppig, unberechenbar, weil sich die starken Bug- und Heckwellen der Großschiffahrt mit der Windsee mischen.  Die dicken Nachbarn bringen viel Unruhe in die Oberfläche und zwingen die Seahorse, außerhalb (wo immer das geht) an der asiatischen Küste der Dardanellen entlang nach NO zu stampfen.

Eine Insiderinfo zu Ehren unseres Kameraden und Segellehrers Markus B.: Wir überfahren die Musa Banki (17 m tief) bei 40° 13,5' N 026° 30,3' E.
Tschüss Tschanakkale
Viel Verkehr durch 'Dickschiffe'
An der engsten Stelle der Dardanellen
Ein altes Fort mit neuem Militärhafen an der Engstelle


Ab 1400 blasen uns bis zu 32 kn direkt auf die Nasen. Aber die Oberflächenströmung, die uns die Anfahrt auf Canakkale so unglaublich schwer gemacht hat, setzt heute nur mit 1 bis 2 kn nach SW in die Ägäis. Das entspricht wohl der Grundlast der Summe aller Abflüsse aus Asowschen Meer, Schwarzem Meer und Marmara Meer. Vielfach vermischt ist darunter auch das Wasser der Donau! Wir fahren hier in den Daradanellen also auch auf der Donau, auf dem Don, auf ...

Das Wasser, das uns gelegentlich bis über die Sprayhout gespritzt wird, schmeckt tatsächlich deutlich weniger salzig als das Wasser des Mittelmeeres. 

Um 1745 sind wir auf dem Marmarameer, 40 nm vor Marmara auf Marmara.

Der Skipper freut sich
Hier beginnen/enden die Dardanellen im Norden
Die Enge weitet sich sich nach NO zu einem 'Meer'
Es wird frischer im Cockpit
Wir fahren kurz darauf Stunde um Stunde in Wellen von etwa 1 m Höhe. Die kommen in Abständen knapp unter einer Bootslänge. Das bewirkt wieder dieses häßliche Hineinklatschen des Bugs in die zweite und dritte Welle. Wir hassen das, wollen den Kurs aber nicht 'mildern', um keine Zeit vor Marmara zu vertrödeln. Markus hat uns für Mittwoch 'schottische Verhältnisse' angekündigt.

Ab 2200 werden die Wellen 1,5 m hoch, ab 2400 teilweise 2,0 m. Dafür werden die Abstände größer. Das 'Klatschen' hört auf. Die Seahorse fährt sich angenehmer.  

Der türkische Wetterbericht der zuständigen Koordinierungsstelle meldet auf Kanal 67 für unseren Fahrbereich lakonisch: Marmara; not cloudy, visibility good; Wind 3 to 5. 

Wolken und Sicht stimmen. Von den drei Windstärken erleben wir gar nichts. 4-5 haben wir mindestens um die Ohren. Später werden 5-6 daraus, am Ende kurzzeitig 8-9.

Eine halbe Stunde vor Ankunft in Marmara fegen uns bis zu 42 kn um die Ohren. Die Fallwinde aus dem 700 m hohen Bergrücken der Insel kommen stoßartig, nicht vorhersehbar.

100 m vor der Einfahrt in den kleinen Hafen drücken die starken Böen das Boot zur Seite, als wollten sie es umwerfen. Erst 20 m vor der Einfahrt kommen wir in eine nennenswerte Abdeckung durch die Reihe aus Häusern und Bäumen direkt vor dem Ufer. Helmut bekommt das Boot sauber in das Hafenbecken. Wir drehen eine Runde um uns zu orientieren, verlassen das Hafenbecken um 2 Bootslängen und sind sofort wieder in dem brutalen Getobe des Windes. Wir legen die Seahorse einfach längsseits an die grobe Innenseite der Betonmole, quasi unmittelbar an der Hafeneinfahrt. 

Das Festmachen bei Dunkelheit, im starken Wind, an Ringen, die nicht immer da sind wo sie mal waren, ist für eine 2 Mann Crew nicht einfach. Wir bekommen das unfallfrei hin und können die Seahrose fest und sicher vertäuen. Der Wind drückt sie auf die Mole. Arbeiten müssen jetzt nur noch die Fender. Wir legen uns schlafen.


Beobachtungen zum Marmarameer:

Das Meer ist im Süden relativ flach, nicht von schöner Farbe, der Nordsee ähnlich von einem stumpfen Grau.
Trotzdem haben wir in der Nacht ein besonders schönes Phänomen beobachten können, für das es sicherlich eine solche Sturmnacht braucht.

Das Meeresleuchten konzentriert sich heute auf die Stoßwellen des Bugs und der vorderen Hälfte des Bootes. Die dort erzeugen Wellen leuchten hell weiß, teilweise so intensiv, als würden sie von unten angeleuchtet. Gleichzeitg leuchten einige der höchsten Wellenkämme voraus ebenfalls. Die sich brechennden Kronen erzeugen Schaum, der die Kronen in weißes Licht taucht. Wenn dieser Schaum sich leuchtend von der Krone reißen läßt und rasend schnell auf die Seahorse zu geweht wird, wird das Bild gespenstig schön. Ich erinnere schwach ein Gedicht über das Meer, in dem von den weißen Reitern auf den Wellenkämmen die Rede ist. Heute habe ich sie gesehen.


12.05.'15 - Marmara, auf Marmara im Marmarameer ;-)

Kurz nach 0900 werde ich wach. Helmut ist schon länger auf den Beinen. Mir geht es nicht so gut. Ich habe mich offensichtlich erkältet. Halsschmerzen, eine rauhe Stimme, die später mehr und mehr 'weggeht', sind dieFolgen davon. Meine Reiseapotheke enthält alles Notwendige, um damit fertig zu werden. Es nervt gerade jetzt ein wenig.

Wir sehen uns den Ort an und nehmen unser Frühstück (diverse Backwaren) in einem Cafe in dem nur Tee serviert wird. Nach 2 Tee pro Person und vollen Mägen bei einer 'Rechnung' von insgesamt 10 TL gehen wir sehr zufrieden und gut gelaunt in den Tag.

Marmara ist in der Zeit etwas zurück geblieben, etwas wrackig an vielen Stellen, wunderschön und lebendig neu an anderen. Es hat den Charme der viele Griechenlandtouristen vor 40 Jahren in die Ägäis gelockt hat. Die Menschen sind heiter, gelassen, freundlich und sehr hilfsbereit. Die englische Sprache ist aber hier keine große Hilfe.

Trotzdem haben wir beide den Eindruck, es ist gut, auch diesen Hafen kennengelernt zu haben.

Nach einem Mittagsschläfchen in der prallen Sonne fühle ich mich schon besser; aufgeladen. Wir machen einen weiteren Spaziergang. Das Touristikbüro ist geschlossen. Wir fragen im 'Sunlight Otel' nach Möglichkeiten einer touristischen Rundreise, nach Informationen ganz allgemein.  Nach kurzem Gespräch bestellt der Portier uns für Morgen 1000 ein Taxi, dessen Fahrer uns einmal komplett über Marmara fahren und uns alle Sehenswürdigkeiten zeigen wird.

Bis dahin sehen wir bereits selbst Einiges auf einem weiteren Spaziergang.

Wunderbare Aussicht
Wilde Blumenwiesen - schöner geht's nicht!
Die Bucht vor Marmara (Marmor)
Kranker Fritz mit Schal
Alpenpanorama
Kleine Moschee
Kleines Gebetshaus am Ufer (arabisch)
Liegeplatz in der Hafeneinfahrt
zufrieden
Wir liegen WIRKLICH in der Hafeneinfahrt

Nachbarschaft
Eindrücke aus Marmara auf Marmara im Marmarameer





Die Weiterfahrt nach Istanbul setzen wir nach einem gründlichen Studium der verfügbaren Wetterprognosen auf Donnerstag, 14.05.'15 0000 fest. Wir werden dann am Donnerstag gegen Mittag im Zielhafen in Istanbul sein. Heute ist der Wind über den Tag abgeflaut, braust aber am Abend mächtig über den Berg hinunter in den Hafen. Morgenabend soll dieser Wind komplett vorüber gezogen sein. Die Großwetterlage wird langsam von NO auf SW umstellen, mit freundlichen 2-4 Bft.

Sonntag, 10. Mai 2015

10.05.'15 - Canakkale; Dardanellen - asiatische Seite; plus Troja!

Limnos - Canakkale; 88 nm
Wir haben jetzt mehr als 1.600 Seemeilen hinter uns gebracht. Istanbul ist nicht mehr weit, knapp 135 nm entfernt. Im Augenblick haben wir zuviel Wind und in seiner Folge eine zu große Strömung vor der Brust. Wir werden sehen, WANN es weiter geht.

08.05.'15 - Entscheidung

Beim Frühstück fragen wir noch einmal diverse Wetterprognosen ab. YachtingWeather sagt für die Route südlich um Limnos herum für die nächsten 48 Stunden 17 kn voraus, in Böen 35 kn. Die große Differenz zwischen Grundlast und Böen, die sich bisher noch nicht so bewahrheitet hat, ist einfach nervig. Helmuts Visualisierungstool auf dem iPhone scheint das aber zu bestätigen. 
Der DWD sagt für die Ägäis Nord (Referenzpunkt ist etwa nördl. Skyros) heute einen Wind von 5 Bft max. voraus. Das sind maximal 21 kn, die uns entgegen blasen werden, allerdings wieder beinahe direkt. Bei einem flotten Kurs am Wind können das schnell 27 bis 28 kn in den Segeln werden. Das kennen und können wir aber recht entspannt. Der Referenzpunkt liegt etwa 60 nm südlich. Wenn wir die Route nördlich um Limnos fahren, sind wir bereits 80 nm davon entfernt und fühlen uns bezüglich des Wetters sicher, weil das den Wind verursachende Tief weiter südlich liegt. Also fahren wir heute!

0930 - Motor an, Leinen los, raus aus dem Hafen. Ab 0945 fahren wir mit dem Motor, bei kräftiger Unterstützung durch das Genuasegel.

Auf der Nordseite baut der Wind schnell eine Welle von 2,5 Fuß auf. Wir fahren mit Motor und Genua 40° zum Wind aus ONO einen südlichen Kurs. Die Seahorse muß jetzt nicht mehr jede der kurz aufeinander folgenden Wellen einzeln durchstampfen, sondern kann sie 'schneiden'. Die Fahrt ist schnell und ruhiger als vorher.

Tolles Segelwetter, wenn der Kurs stimmt- Gözceada (Türkei) im Hintergrund
Markus B., ein Segelkamerad aus unserer Heimatstadt, den Helmut gestern zur Absicherung ebenfalls um eine Expertise gebeten hatte, meldet uns per SMS, daß wir auf unserer Route in den kommenden Tagen nie mit mehr als 24 kn rechnen müssen. Es tut gut, das zu lesen. 

Wir haben anfangs 2-3 Bft um die Ohren, später 3-4 Bft mit Wellen von 3 Fuß. Gegen 1600 liegt das NO Kap von Limnos an steuerbord querab. Wir segeln jetzt mit Genua und Groß, ohne Motor (!) und schaffen 7,8 kn FdW. 

Schon vor den Dardanellen fällt uns eine zunehmende Strömung auf, die in den Abendstunden stetig wächst. Unmittelbar im Eingang der Dardanellen beträgt sie bereits 3 kn. Wir fahren wieder ausschließlich mit dem Motor, haben alle Segel geborgen und die Gastlandflagge der Türkei aufgezogen, einschließlich der gelben 'Zollflagge'. Im Eingang der Dardanellen fällt uns ein Denkmal auf, das wir zunächst nicht zuordnen können. 


In der Nacht glühen vier Säulen blutrot. Später lesen wir in Canakkale, daß auf der Halbinsel, auf der dieses Denkmal steht, im 1. Weltkrieg 500.000 Menschen gestorben sind.

Dann sind wir drin in der Meerenge, im Meeresarm, immer nahe am VTG - an das sich hier niemand hält. Was für einen Unfug habe ich da in Deutschland lernen müssen? Hier wird im VTG gewendet, schräg gequert, Kurven abgekürzt. Es schient jedermann frei zu sein, die verfügbare Fläche nach eigenem Gusto zu nutzen.

Wir bleiben, wo immer das möglich ist, trotzdem außerhalb des VTG, bis plötzlich ein merkwürdiges 'Gerüst vor uns im Wasser auftaucht. Helmut reißt die Seahorse auf einen Ausweichkurs. Aus der Nähe erkennen wir leidlich blinkende gelbe Funzeln, die gegen den hell erleuchteten Hintergrund der Uferbebauung fast nicht erkennbar sind. Diese Funzeln kennzeichnen die 'Ecken' eines untergegangenen Schiffes ;-) Wahnsinn.

Mittlerweile ist die Strömung auf 5 kn angewachsen! Wir machen 7,5 kn FdW und schaffen nur 2,5 kn über Grund. Die Fahrt wird langsam zu einer Qual, weil kaum Fortkommen erkennbar ist.

Die nächste böse Überraschun erleben wir in der Marina, im Zielhafen in Canakkale. Die Marina mit wrackigen Schwimmstegen ist proppevoll. Wir versuchen an dem letzten noch freien Schwimmsteg rückwärts anzulegen, müssen aber feststellen, daß alle Mooringleinen abgerissen oder abgeschnitten sind. Bei dem aktuellen Seitenwind ist die Seahorse kaum zu halten.

Ein Marinero kommt und macht uns klar: Keine Mooring, kein Anlegen. Wir sollen draußen ankern und morgen wiederkommen. Dann sind Plätze frei. Ankern? In der Strömung? Bei dem Wind von 21 kn? Wir versuchen, im Stadthafen unterzukommen; vergeblich. Dort sind keine Möglichkeiten festzumachen. Hundemüde, frierend, ziemlich sauer fahren wir wieder in die Marina zurück und machen an dem Schwimmsteg längs fest. Soll der Kerl doch die Polizei rufen, oder wen auch immer. Wir bewegen uns hier nicht mehr weg.

Um 0510, im Morgengrauen, machen wir den Motor aus und legen uns schlafen, ohne weitere Störung. 

4 Stunden später reißt uns der Marinero aus dem Schlaf, der große Mühe hat, seinem Chef zu erklären, daß er uns nicht erlaubt hat, festzumachen. Helmut, der das richtig stellt, erfährt im Büro des Hafenamtes, daß der Schwimmsteg 'gar nicht mehr richtig fest' ist und gerade demontiert wird. Mittlerweile sind aber tatsächlich einige Segelboote abgefahren und wir können an einem Betonkai festmachen, direkt vor dem Hafenbüro, unter den Augen von Zoll und Polizei.

Die Verwaltung der Marina nimmt die Schiffsdokumente und unsere Reisepässe entgegen, und beauftragt im Namen des Skippers einen Agenten, die Einklarierung durchzuführen (120,- €). Sollen Sie. Ich lege mich erstmal wieder hin, weil wir das Schiff nicht einmal Richtung Toilette verlassen dürfen.

Während ich schlafe besichtigt der Zoll das Boot von innen, auch der herbeigerufene Arzt, der seinen Sohn mitbringt, weil der 'so ein Boot' einmal von innen sehen möchte. Ich bekomme von alledem nichts mit. Erst als Helmut mir meinen Reisepaß zurück gibt und mir erklärt das wir auch die gelbe Flagge herunter nehmen können, werde ich wieder halbwegs wach, gegen 1130. Die Abwicklung der Formalitäten wurde aus unserer Sicht für uns einfach und unkompliziert erledigt. Selbst hätten wir das nicht tun wollen, vermutlich nicht können.

Der Wind bläst uns auch hier im Hafen mit 22 kn ins Gesicht. Aber die Seahorse liegt sicher. 

Um 1330 unternehmen wir den ersten Rundgang, zwecks Bargeldbeschaffung. Was soll ich sagen: Die erste Eisdiele ist keine 100 m vom Hafen entfernt :-)

Außengrenze der Türkei
Am Eisentor zur Marina steht ein Schild mit der Aufschrift "Border Gate". Das ist hier rechtlich eine Außengrenze der Türkei, in die wir heute über den 'Port of Entry' Canakkale eingereist sind.

So schwer uns die erste Begegnung 'mit der Türkei' in der Nacht gefallen ist, so angenehm erleben wir jetzt Canakkale, die Schüsselstadt (Namensgebung wegen der früheren Bedeutung als Töpferstandort). Freundliche Menschen überall rings um uns. An einigen Stellen mit mehrsprachigen Beschreibungen finden wir auch unsere Sprache, noch vor der englischen. Die Stadt birgt eine Universität. Das sieht man ihr an. Viele junge Menschen sind auf den Straßen, in den Cafes und Restaurants und auf der Promenade. In der Innenstadt, so weit wir sie zu sehen bekommen, werden ungenutzte Flächen begrünt und mit Sitzgelegenheiten ausgestattet. Canakkale gefällt uns.

Bilder aus Canakkale (Tschanackale)

Schattiger Platz gegenüber der Eisdiele
Katzen warten auf das Dinner
Ein Fischer verkauft seine kleinen Fische lebend. Die zappeln in den Plastikgefäßen und spritzen das Salzwasser über die Promenade. Die Katzen der Gegend kommen herbeigerannt, sitzen in unteschiedlichen (ausgekämpften) Abständen zu dem potentiellen Abendmahl und warten auf das, was der Fischer nicht verkaufen kann.

Überall Blumen


3-4 Bft auf den Dardanellen
Die Biegung rechts ist die engste Stelle des Meeresarmes
Es wird Abend

Film-Holzpferd
Das 'trojanische Pferd' aus dem Film 'Troja', mit Brad Pitt, steht auf der Promenade in Canakkale! Die Stadt sieht sich eng verbunden mit Ilya.

37 km bis Troja - da MÜSSEN wir hin
Fischerhafen
Die Seahorse im Zollhafen

10.05.'15 - Troja

Der Wind bläst am Vormittag kräftig; nicht in dem prognostizierten Maß des Starkwindes, aber mit Böen, die uns deutlich genug sagen, es sei besser, nicht gegen die Strömung zu kämpfen, sondern Troja zu besuchen.

Bevor wir nach Troja aufbrechen, besuchen wir das nahe Tourismus Info Center. Die junge Frau darin bietet uns an, sich mit uns in deutscher Sprache zu unterhalten. Das nehmen wir gerne an. Wir erfahren wie wir den Busbahnhof erreichen und wann der nächste Otobüsi nach Troja fährt, daß wir dort Begleitmaterial und Audioguides bekommen können. 

Den Busbahnhof erreichen wir leicht zu Fuß. Wir haben vor der Abfart noch Zeit für einen Kaffee. Der Fahrer sitzt am Kaffeestand neben uns. Schiefgehen kann jetzt nichts mehr. Wir steigen etwa 10 Minuten vor der Abfahrt in den Bus, weil der abfährt, sobald die Fahrgäste der Fähre (von woher auch immer) ankommen. Die Fähre kommt dann auch irgendwo an und bringt einige junge Leute in den Bus; unter anderem ein Pärchen aus Japan. Das setzt sich zwischen Helmut und mich in die hinterste Sitzreihe.

Es ist warm im Bus. Während der Fahrt schläft die junge Frau neben mir ein. Erst sackt der Kopf auf die Brust, dann das ganze Wesen in sich zusammen. Am Ende liegt ihr Kopf an meiner Schulter. Die Kleine pennt sich an meiner Schulter aus und ist in Troja wieder hellwach und ungeniert ;-)

Helena?
Die Ausgrabung insgesamt ist gut für Touristen aufbereitet und das 'Ambiente' darauf angelegt, hier verschiedenen Menschen Arbeit zu verschaffen. Die junge Dame bietet sich für Photos an, möchte dafür 15 TL haben. Ich verstaue meinen Photoapparat gleich wieder. Das ist mir das Photo nicht wert. Nach kurzem 'hin und her' ist sie bereit, für 10 TL mit mir zu posieren; kleine Helena mit einem blonden Riesen ;-)

Lehmziegel; 5.000 Jahre von der Erde geschützt, jetzt durch ein Zeltdach
12 m ist die Stadt in ihrer Geschichte in die Höhe gewachsen
Artesische Brunnen
Ich sehe die Ergebnisse von archäologischen Grabungen gerne, aber mit vielen Fragen im Hinterkopf. 'Wir' buddeln heute aus, was andere Menschen vor mehreren tausend Jahren bereits verworfen, weggeworfen, zugeschüttet, vergraben haben. Bringt uns das Wissen (?) um die Lebensumstände früherer Jahrtausende heute wirklich weiter? Wem nutzen die Erkenntnisse der Archäologie?

Lehrreich ist die Führung durch die Audioguides allemal, anregend und ganz hervorragend gemacht.

Was diese Tür wohl versperrt hat?
Diese Tür mag zum Schlafzimmer von Helena und Paris geführt haben, und war damit die Wurzel der Vernichtung Ilyas. Dann wäre es schade, wenn ausgerechnet diese Tür im Wesen erhalten geblieben wäre ;-)

Helmut will den Verfall stoppen
Auf dem Weg in die Stadt
Der Schliemanngraben
Ganze Arbeit hat Schliemann hier geleistet, sehr zum Ärger der Ärchäologen, die ihm vorwerfen, wie die Axt im Walde gearbeitet zu haben. Ich sehe das als reichlich unfair an, vielleicht dem Neid gehorchend. Schliemann hat in den Anfangsjahren der Ausgräberei als erster Fehler gemacht, Fehler erkannt und andere Verfahren gewählt. Davon profitieren die heutigen Meckerer, die es damals auch nicht besser gewußt hätten.

Trümmer, Trümmer, Trümmer

Spannend: Alte Wasserrohre aus Ton
Reste eines Tempels der Athene

Blick bis in die Dardanellen
Wunderschöne Arbeiten im Stein
Spannender: 5.000 Jahre alter Erbstollen
Das fesselt mich besonders: Weil Ilya auf einem artesischen Hügel steht, war die Wasserversorgung der Stadt stets gesichert. Für die Felder wird das nicht immer gereicht haben. Bereits vor mehr als 5.000 Jahren haben die Einwohner deshalb die artesisichen Schichten von außen bergmännisch angegraben und einen 70 m langen Erbstollen zu einem unterirdischen See gelegt. Daraus wird Wasser für eine Zisterne der Feldwirtschaft entnommen. Das Ganze funktioniert noch heute!

Das Odeon haben die Römer später gebaut
Ein Theaterbesuch in der Neuzeit
Ich staune
Mein Staunen bezieht sich weniger auf die Geschichte der Stadt und auch nicht auf das vollkommene Ausmaß der Zerstörung, sondern darauf, daß ich heute hier bin!

Selbstverständlich habe ich als Kind die Ilyas verschlungen, und als Jugendlicher noch einmal und später als Erwachsener auch noch einmal. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, einmal den Ort zu sehen, an dem diese grandiose Tragödie gespielt hat.

Insofern hat der starke Strom, getrieben von dem starken Wind, durchaus sein Gutes. Helmut ist sich sicher, daß jetzt völlig klar ist, warum Odysseus ewig lange nicht die Dardanellen nach Norden hoch gekommen ist. Ich denke nach wie vor, daß der Strolch gar nicht nach Hause wollte, sich vielleicht gar nicht sehen lassen durfte (wegen unehrenhafter Kriegsführung). Außerdem mußte er die anderen Totschläger auf dem Schiff noch in diversen 'Abenteuern' verschleißen. Die konnte er doch unmöglich mit nachhause bringen ...

Blumen in der Wüstenei
Die Otobüsifahrt zurück nach Canakkale amüsiert uns. Der Bus hält, wo jemand winkt. Daß alle Sitz- und auch die wenigen (illegalen) Stehplätze längst besetzt sind, spielt keine Rolle. Ausgestiegen wird ebenfalls wo der Gast will. Bezahlt wird vor allem von den nur kurz Mitfahrenden gar nicht oder mit einem Händedruck. Dabei kostet die 50 minütige Fahrt von 30 km gerade 5 TL pro Person.

Am Ende des Tage ist für uns klar, daß wir Morgen nach Marmara auf Marmara im Marmarameer aufbrechen. Am Abend ist der Wind stark abgeschwächt. Wir schließen daraus keineswegs, daß dies so bleibt. Die starke Strömung auf den Dardanellen wird damit ebenfalls noch nicht gestoppt sein. 

Wir werden sehen. Ihr werdet lesen ;-)